Stephanie Aeffner war eine Frau, die nicht nur Politik machte, sondern konsequent für Menschen kämpfte, deren Stimme oft überhört wird. Sie war Sozialarbeiterin, Landes-Behindertenbeauftragte, Bundestagsabgeordnete – und selbst auf den Rollstuhl angewiesen. Ihr Leben erzählt von Brüchen, Neuanfängen und einem unerschütterlichen Sinn für Gerechtigkeit.
Wer über sie schreibt, erzählt nicht nur eine politische Laufbahn, sondern auch Geschichten von Mut, Verletzlichkeit und der Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht.
Frühe Jahre
Geboren wurde Stephanie Aeffner am 29. April 1976 in Donaueschingen im Süden Deutschlands. Aufgewachsen ist sie in Frankfurt am Main, wo sie 1995 ihr Abitur am Friedrich-Dessauer-Gymnasium ablegte.
Schon früh interessierte sie sich für Menschen, Gesundheit und Verantwortung. Sie begann ein Studium der Humanmedizin, ein Weg, der eigentlich in eine klassische Arztkarriere hätte führen können. Doch das Leben nahm eine andere Richtung: Aufgrund einer Muskelerkrankung musste sie das Studium nach vier Jahren abbrechen. Ab 1999 war sie auf einen Rollstuhl angewiesen – ein Einschnitt, der ihr späteres Engagement wesentlich prägen sollte.
Wendepunkt und Neubeginn
Der gesundheitliche Bruch beendete nicht ihren Willen, für andere da zu sein. Im Gegenteil: 2000 begann sie ein Studium der Sozialpädagogik in Heidelberg, das sie 2006 als Diplom-Sozialpädagogin/-Sozialarbeiterin abschloss.
Während andere vielleicht resigniert hätten, suchte Aeffner bewusst nach Wegen, ihre eigenen Erfahrungen mit Krankheit und Behinderung in praktische Hilfe für andere Menschen zu übersetzen. Sie arbeitete zunächst in der ambulanten Krankenpflege und lernte dort sehr direkt kennen, wie viel Druck auf Pflegediensten, Angehörigen und Betroffenen liegt.
2006 wechselte sie als Qualitätsmanagerin in die Chirurgie des Universitätsklinikums Mannheim. In dieser Rolle ging es nicht mehr nur um einzelne Patientinnen und Patienten, sondern um Strukturen: Abläufe, Standards, Qualität im Gesundheitswesen.
Arbeit für Selbstbestimmung
2010 bildete sich Stephanie Aeffner zur Qualitätsbeauftragten im Sozial- und Gesundheitswesen weiter. Kurz darauf wechselte sie zum „Zentrum selbstbestimmt Leben Stuttgart“, einer Beratungsstelle für Menschen mit Behinderung.
Dort beriet sie Menschen mit Behinderung und deren Angehörige, half bei Fragen zu Assistenz, Teilhabe, sozialer Absicherung und Lebensplanung. Gleichzeitig entwickelte und leitete sie Inklusionsprojekte und brachte sich in kommunale und landesweite Gremien ein, etwa den Inklusionsbeirat der Stadt Stuttgart.
In dieser Phase entstand der Kern ihres politischen Profils: Barrierefreiheit, Selbstbestimmung und Teilhabe waren für sie keine abstrakten Begriffe, sondern tägliche Praxis. Menschen begegneten ihr nicht zuerst als „Fälle“, sondern als Persönlichkeiten mit Träumen, Sorgen und Rechten.
Der Weg in die Politik
2016 wurde sie zur ehrenamtlichen Landes-Behindertenbeauftragten Baden-Württembergs berufen. Von da an vertrat sie offiziell die Interessen von Menschen mit Behinderung gegenüber Landesregierung, Verwaltungen und Öffentlichkeit.
Für dieses Amt legte sie parteipolitische Funktionen bei den Grünen nieder, um die notwendige Neutralität zu wahren. Zuvor war sie viele Jahre in Orts-, Kreis- und Landesverbänden sowie in mehreren Landesarbeitsgemeinschaften der Partei aktiv – etwa in den Bereichen Wirtschaft, Finanzen, Soziales, Bildung und Behindertenpolitik.
Als Landesbeauftragte setzte sie sich für Barrierefreiheit in Städten, Behörden, Verkehrsmitteln und digitalen Angeboten ein. Sie machte immer wieder darauf aufmerksam, dass Barrierefreiheit kein „Extra“ ist, sondern eine Frage von Gerechtigkeit und Menschenrechten.
Im Bundestag
Bei der Bundestagswahl 2021 kandidierte Stephanie Aeffner im Wahlkreis Pforzheim und zog über die Landesliste Baden-Württemberg für die Grünen in den Deutschen Bundestag ein.
Im Parlament war sie Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales und im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung. In ihrer Fraktion war sie zuständig für Sozialpolitik, Bekämpfung von Kinderarmut, Asyl- und Fluchtfragen sowie Behindertenpolitik und koordinierte den Gewerkschafts- und Sozialbeirat.
Bei den Koalitionsverhandlungen zur Ampel-Koalition arbeitete sie in der Arbeitsgruppe Sozialpolitik mit.
Im Bundestag war sie bekannt für sachliche, aber eindringliche Redebeiträge, etwa zur Lage von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt oder zur Situation von Geflüchteten und sozial Benachteiligten.
Kämpferin für Inklusion
Für Stephanie Aeffner war Inklusion kein Nischenthema, sondern eine Frage, wie ernst eine Gesellschaft ihre Grundwerte nimmt.
Sie betonte immer wieder, dass Behinderung in der Arbeitswelt häufig noch als Makel gesehen wird – mit Folgen für Karrierechancen, Einkommen und Selbstwertgefühl.
Ihr Ansatz war dabei doppelt:
Strukturell, indem sie für Gesetze, Förderprogramme und verbindliche Standards kämpfte.
Menschlich, indem sie in Gesprächen konkrete Beispiele nannte – Menschen, die wegen fehlender Barrierefreiheit nicht arbeiten können, oder Frauen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht einmal zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden.
Weil sie selbst im Rollstuhl saß, sahen viele in ihr eine authentische Stimme für echte Teilhabe. Innerhalb ihrer Partei galt sie als erste Frau mit sichtbarer Behinderung im Bundestag und als Vorbild für viele Menschen, die trotz Barrieren politisch aktiv werden möchten.
Soziale Gerechtigkeit im Fokus
Ihr politisches Profil war breit gefächert. Sie setzte sich ein für:
Armutsbekämpfung,
soziale Sicherungssysteme,
Unterstützung für geflüchtete Menschen,
gerechte Verteilung von Chancen und Ressourcen.
Dabei scheute sie Konflikte nicht. 2022 stimmte sie als eine von wenigen Abgeordneten ihrer Fraktion gegen das Gesetz zum Sondervermögen Bundeswehr, weil sie politische Prioritäten anders setzte.
In Reden und Interviews verband sie Zahlen und Gesetzesdetails mit der Perspektive derjenigen, die am stärksten unter Armut und gesellschaftlichen Hürden leiden. Für sie war soziale Gerechtigkeit untrennbar mit Menschenwürde und Alltagserfahrungen verbunden.
Der Mensch hinter der Politikerin
Offiziell beschrieben wird Stephanie Aeffner als evangelisch, ledig und wohnhaft in Eppelheim. Doch diese nüchternen Angaben werden dem Menschen hinter der Politikerin nicht gerecht.
Kolleginnen und Kollegen erinnern sich an sie als leidenschaftliche, klare, humorvolle und zugewandte Persönlichkeit. Sie galt als jemand, der zuhört, Fragen stellt und den Mut hat, Missstände offen anzusprechen.
Ihre eigene Behinderung thematisierte sie offen – nicht als Mitleidsmoment, sondern als Teil ihrer Lebensgeschichte, aus der sie politische Stärke und Empathie schöpfte.
Abschied und Trauer
Im Januar 2025 starb Stephanie Aeffner mit nur 48 Jahren überraschend.
Politik, Verbände und Weggefährten reagierten mit Bestürzung. Viele würdigten sie als engagierte Sozialpolitikerin, die sich mit Herz und Kompetenz für Inklusion und Teilhabe eingesetzt habe.
Auch im Bundestag wurde ihrer gedacht. Dort wurde betont, dass ihr Herz für die Menschen geschlagen habe, deren Anliegen oft im politischen Alltag untergehen.
Ihr Tod hinterließ eine spürbare Lücke – nicht nur politisch, sondern auch menschlich.
Was von ihr bleibt
Das politische Mandat von Stephanie Aeffner endete mit ihrem Tod, doch ihr Einfluss wirkt weiter – in konkreten Veränderungen, an denen sie mitgearbeitet hat, und in der Haltung, die sie verkörperte.
Sie zeigte, dass Biografien mit Brüchen nicht das Scheitern bedeuten, sondern neue Wege öffnen können. Sie zeigte, dass Verletzlichkeit politisch kraftvoll sein kann. Und sie zeigte, dass Inklusion, Barrierefreiheit und soziale Gerechtigkeit grundlegende Werte einer demokratischen Gesellschaft sind.
Für viele Menschen bleibt sie ein Vorbild, weil sie bewiesen hat, dass politisches Engagement auch in einer Welt voller Barrieren möglich ist.
Fazit
„Stephanie Aeffner – Geschichten einer Frau, die für andere kämpfte“ beschreibt kein idealisiertes Bild, sondern die Haltung einer Frau, die ihre persönlichen Erfahrungen in politisches Engagement verwandelte.
Sie stellte sich Konflikten, sprach unbequeme Wahrheiten aus und setzte sich für Menschen ein, die selten im Mittelpunkt stehen. Ihr Lebensweg erinnert daran, dass soziale Gerechtigkeit kein abstraktes Konzept ist, sondern tägliches Handeln verlangt.
Die Spuren, die sie hinterlassen hat – in Gesetzen, Strukturen und vor allem in den Herzen vieler Menschen – machen deutlich, warum ihr Name auch in Zukunft Gewicht haben wird.

